
HALVERS WOCHE
Robert Halver
18. März 2026
Heutzutage muss man bei Notenbanken zwischen den Zeilen lesen

In der Theorie sind Geldpolitiker die Gralshüter der Preisstabilität. Früher hat die Deutsche Bundesbank dieses Ziel auch praktisch sehr konsequent verfolgt. Hört man auf ihre aktuellen Äußerungen, scheinen die Notenbanken die Fahne der Stabilitätsmoral weiterhin hochzuhalten. Gezwungenermaßen jedoch führen die immer schwierigeren konjunkturellen und finanziellen Rahmenbedingungen auch zu immer mehr Abweichungen zwischen Wort und Tat.
Vorbeugend müsste der Iran-Krieg die Kavallerie der Preiskrieger ausreiten lassen
Viele Anleger haben noch im Kopf wie z.B. die zweite Ölkrise 1979/1980 die Energiepreise hat dramatisch ansteigen lassen, was wiederum einen massiven Inflationsausbruch einleitete.
Früher zeigten sich die Notenbanken als kompromisslose Inflationsbekämpfer. In den USA hatte die Fed unter ihrem Chef Paul Volcker den Inflationsgeist, der Anfang 1980 mit bis zu 15 Prozent wütete, mit Leitzinsen von zeitweise über 20 Prozent wieder in die Flasche zurückgeholt. Der Preis dafür war mit Rezession und hohen Arbeitslosenzahlen allerdings teuer. Doch konnten die Reagonomics mit angebotsorientierter Steuersenkungspolitik und nachfrageorientierter Staatsverschuldung die wirtschaftlichen Dinge anschließend wieder richten.
Eine besondere Legende unter den Notenbanken war die Deutsche Bundesbank. Sie war das Synonym für Inflationsbekämpfung. Gegenüber Preissteigerungen jedweder Art ist sie immer in die Zinserhöhungsoffensive gegangen, selbst wenn dies die Konjunktur zusätzlich schwächte. Die fast flehentlichen Bitten des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt, trotz Preissteigerungen doch bitte auch die Wirtschaft im Blick zu halten, wurden ignoriert. Inflationspolitik der Bundesbank erinnerte an präventive Erkältungsbekämpfung. Schon beim geringsten Kratzen im Hals wurde mit scharfen Medikamenten dagegengehalten.
Auch jetzt beim Iran-Krieg bleibt die Inflationsangst nicht aus. Während die Börsen die vor kurzem noch vorhandenen Zinssenkungserwartungen der US-Notenbank weitestgehend abgeschrieben haben, rechnen sie für die EZB im laufenden Jahr sogar mit Zinserhöhungen.
Tatsächlich hört man von den Notenbanken selbst falkenhafte Töne. Erinnert sich die EZB etwa an das Vermächtnis der Bundesbank?
Wiederholt sich die geldpolitische Geschichte von früher?
Natürlich muss Geldpolitik der Inflation verbal den Kampf ansagen. Jede Notenbank, die ihren satzungsgemäßen Auftrag auch nur im Entferntesten schleifen lässt, verliert an Vertrauen.
Und dennoch, hinter vorgehaltener Hand wissen die Damen und Herren der Geldpolitik, dass ihre Hände mittlerweile gebunden sind. Der point of no return ist längst erreicht. Früher konnten auf vergleichsweise niedrigem Niveau liegende Schuldenstände noch gut gestemmt werden. Und bis vor einigen Jahren war der Schuldendienst sehr bequem, da die Happy Hour der Niedrigzinsen schmerzlindernd, wenn nicht sogar schmerzbefreiend wirkte.
Heute jedoch sind einerseits hohe Schuldenständen und andererseits bereits hohe Zinsen ein giftiger Cocktail. Ginge der Zinstrend noch weiter nach oben, könnten Schulden-, Finanz- und Bankenkrisen wieder ihre hässliche Fratze mit allen negativen Folgen zeigen. Aktuell sind die privaten Kreditmärkte wegen Angst vor konjunkturbedingten Ausfällen bereits angeschlagen. Und da Zinsmärkte wie kommunizierende Röhren miteinander verbunden sind, könnte die Angst vor einer privaten Kreditblase auch ansteckend auf „risikolose“ Staatspapiere wirken, die wegen atemberaubender Neuverschuldungen ohnehin nicht mehr als sakrosankt gelten. Schon 2008 hatten wir Refinanzierungsprobleme bei allerdings deutlich weniger Verschuldungsgraden.
Schließlich käme auch die Konjunktur in den Modus der Ernüchterung. Jetzt schon ringen die USA mit einer Abkühlung des Arbeitsmarkts sowie der Konsum- und der Investitionsstimmung. Und Wachstumsfreude ist in Europa erst recht nicht zu beobachten.
Und so werden Notenbanken zwar weiter inflationsbekämpfende Töne abgeben, doch auf der Handlungsebene ebenso beschwichtigende Gegenargumente finden, auch in puncto Iran-Krieg und Energiekrise.
Heute schlagen Ölkrisen nicht mehr so auf die Wirtschaft durch wie früher. Die Energieeffizienz hat sich rapide verbessert und der Strukturwandel von Industrie- zu Dienstleistungsgesellschaften findet längst statt.
Und bei aller Bedeutung der Straße von Hormus hat sich die Energieversorgung weiterentwickelt. So importieren Europa Öl und Gas mehrheitlich aus anderen Quellen, z.B. aus Amerika, das sowieso Nettoenergieexporteur ist. Zur Not wird Amerika das Fracking wiederbeschleunigen, sozusagen „Fracken bis zum Verrecken“.
Ebenfalls kann man argumentieren, dass niemand der beteiligten Parteien an einem langen Konflikt interessiert sein kann. Trotz der auf allen Seiten gezeigten Kampfbereitschaft ist dies mitunter zwischen den Zeilen zu lesen. Ansonsten könnte dieser zum Machtverlust der Mullahs, aber auch der Republikaner bei den Zwischenwahlen im kommenden November führen. Eine anhaltende „Bombenstimmung“ in der Region können auch die Anrainerstaaten in der Golfregion nicht gebrauchen. Sie würde ihre Bemühungen, attraktive Wirtschaftsstandorte zu werden, regelrecht torpedieren. Nicht zuletzt spürt China starke Abhängigkeitsschmerzen, da es eine im Vergleich hohe Abhängigkeit von Öllieferungen aus dem Nahen Osten hat und insofern beschwichtigend auf Teherans Lieferbeschränkungen einwirken muss.
Überhaupt erhöht laut Bloomberg-Schätzungen ein Ölpreis-Anstieg um 10 US-Dollar die Inflationsrate sowohl in den USA als auch in der Eurozone um 0,2 Prozentpunkte. Mit Blick auf den aktuellen Ölpreis käme es zu eher verhaltenen Preisanstiegen auf ca. 3,0 Prozent in den USA und 2,5 in der Eurozone. Damit läge man zwischendurch über den Inflationszielen.
Doch haben Notenbanken insgesamt etliche Alibis, über diese vermeintlich als vorübergehend betrachteten Preissteigerungen von Öl und Gas hinwegzusehen. Nur transitorische Inflationsbeschleunigungen haben zwar ihr Geschmäckle, weil sie sich schon nach Corona nicht wie geldpolitisch prophezeit, dargeboten haben. Es ist viel Hoffnung im Spiel, dass der Iran-Krieg keine Dauerkrise wird.
Immerhin haben die Notenbanken Zeit gewonnen, ihren Handlungsdruck aufzuhalten, um nicht frühzeitig noch mehr Zins-Öl ins konjunkturelle und finanzielle Feuer zu gießen.
Zunächst spricht wenig für reale Zinsangst an den Finanzmärkten. Man muss bei Notenbanken zwischen den Zeilen lesen: Sie werden zwar rechts blinken, aber mindestens geradeaus fahren, wenn nicht sogar links abbiegen.
Und die EZB wird die Erbschaft der Bundesbank ausschlagen, solange es geht.
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